Von Marc Timmerherm · Lesezeit ca. 8 Minuten
„Der ist eben leichtfuttrig.“ „Das ist noch vom Gras.“ „Ein bisschen rund steht ihm doch ganz gut.“ Vielleicht hast Du solche Sätze schon gehört. Und vielleicht hast Du sie auch selbst schon gesagt. Das passiert schnell, gerade wenn wir unser Pferd jeden Tag sehen. Die Veränderung kommt schleichend, und irgendwann wirkt die Figur ganz normal.
Mir geht es hier nicht darum, jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen. Wir füttern unsere Pferde, weil wir gut für sie sorgen möchten. Genau deshalb sollten wir hinschauen, wenn aus gut versorgt allmählich zu viel wird. Denn Übergewicht betrifft weit mehr als die Frage, ob der Sattelgurt noch passt.
Ich kenne diese Herausforderung selbst nur zu gut. Mein Spirit ist leichtfuttrig und nimmt unfassbar schnell zu. Da muss auch ich immer wieder einen zweiten Blick hinwerfen. Gleichzeitig steht er zusammen mit dem Pferd meiner Frau Sandra in einer Paddock-Box – und das ist tendenziell eher zu dünn. Der eine braucht also mehr Futter, der andere weniger. Genau diese unterschiedlichen Bedürfnisse müssen wir im gemeinsamen Alltag unter einen Hut bekommen. Darmgesundheit und Fettstoffwechsel gehören für mich dabei genauso in den Blick wie die Frage, welches Pferd tatsächlich wie viel frisst. Unser Ziel ist, dass beide zusammenstehen können und trotzdem jeder passend versorgt wird. Spirit ist auch jetzt noch ein wenig zu rund. Deshalb bleibt sein Gewicht ein Thema, auf das wir achten; allein aus einem gut funktionierenden Darm lässt sich kein geringes Hufreherisiko ableiten. Wenn Du vor einer ähnlichen Situation stehst, kann ich Deine Gedanken also sehr gut verstehen. Diese Fragen beschäftigen mich bei meinem eigenen Pferd genauso.
Über den Darm haben wir hier schon gesprochen. Heute möchte ich diesen Gedanken weiterführen: Was passiert, wenn ein Pferd zu dick wird? Warum hilft „einfach weniger“ nicht als vollständiger Plan? Und welche Rolle spielen passende Ballaststoffe, Bewegung und ein genauer Blick auf den Stoffwechsel?
Zu dick – oder nur ein runder Bauch?
Ein großer Bauch allein sagt noch nicht, wie viel Körperfett ein Pferd trägt. Dafür müssen wir genauer hinschauen und auch mit den Händen fühlen: an den Rippen, am Hals, hinter der Schulter und rund um den Schweifansatz. Ein ausgeprägtes Fettpolster am Mähnenkamm verdient ebenfalls Aufmerksamkeit. Körperbau, Muskulatur und Fett sind eben unterschiedliche Dinge. 1
Hilfreich ist eine regelmäßige Beurteilung des Körperzustands, häufig Body Condition Score genannt. Dazu kommen vergleichbare Fotos und eine Gewichtskontrolle. Eine Pferdewaage ist dafür besonders nützlich; ein Gewichtsmaßband kann unter gleichen Bedingungen zumindest Veränderungen zeigen. Die Zahl allein ersetzt das Anschauen und Abtasten nicht. 1
Ich finde dabei eine Frage sehr hilfreich: Würde mir dieselbe Figur auffallen, wenn ich dieses Pferd heute zum ersten Mal sehen würde? Manchmal braucht es diesen kleinen Schritt zurück. Und manchmal einen zweiten Menschen, der freundlich, aber ehrlich mit draufschaut.
Dein Pferd braucht kein schlechtes Gewissen von Dir. Es braucht einen Plan, der zu ihm passt und den Du im Alltag umsetzen kannst.
Warum Übergewicht für Dein Pferd gefährlich werden kann
Fettgewebe ist am Stoffwechsel beteiligt. Bei gefährdeten Pferden kann die Regulation des Hormons Insulin gestört sein. Das Equine Metabolische Syndrom, kurz EMS, beschreibt eine Konstellation von Risikofaktoren, bei der diese Insulindysregulation im Mittelpunkt steht. Übergewicht kommt häufig dazu, ist aber nicht bei jedem betroffenen Pferd vorhanden. Umgekehrt hat nicht jedes dicke Pferd automatisch EMS. 2
Der Zusammenhang mit Hufrehe ist besonders ernst. Bei einer hormonell bedingten Hufrehe kann eine übermäßige Insulinbelastung zur Schädigung der empfindlichen Verbindung zwischen Hufwand und Hufbein beitragen. Das ist sehr schmerzhaft und kann bleibende Schäden hinterlassen. 2, 3

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Und ja, solche Folgen können das Leben eines Pferdes kosten. Bei schwerer Hufrehe können Schmerzen und Schäden so weit gehen, dass ein Pferd eingeschläfert werden muss. Das bedeutet nicht, dass jedes übergewichtige Pferd diesen Verlauf nimmt. Aber es erklärt, warum „ein bisschen zu rund“ keine belanglose Schönheitsfrage ist. 3
Zusätzliche Kilos müssen außerdem bei jeder Bewegung getragen werden. Wenn Bewegung anstrengender wird, das Pferd weniger aktiv ist und die Fütterung unverändert bleibt, wird es im Alltag nicht leichter, das Gewicht wieder in eine passende Richtung zu bringen. Deshalb möchte ich früh ansetzen, bevor aus einer Veränderung auf der Waage ein ernstes Problem wird.
Läuft Dein Pferd plötzlich fühlig, bewegt es sich ungern oder zeigt es Schmerzen beim Wenden, gehört das sofort tierärztlich abgeklärt. Bei Verdacht auf Hufrehe bitte kein Training und keine erzwungene Bewegung. 3
Weniger Energie, aber weiterhin gut versorgt
Der naheliegende Gedanke lautet: Dann gibt es eben weniger Futter. Dabei müssen wir unterscheiden. Weniger überschüssige Energie ist etwas anderes als möglichst wenig zu kauen. Pferde brauchen eine raufutterbasierte Fütterung, ausreichend Beschäftigung mit dem Fressen und eine Versorgung, die auch während einer Gewichtsabnahme ihre Bedürfnisse berücksichtigt. 4
Deshalb beginnt ein sinnvoller Blick auf die Ration beim ganzen Tag: Was landet tatsächlich im Pferd? Heu, Gras, Kraftfutter, Mash, Leckerchen, Belohnungsfutter und Ergänzungen gehören zusammen. Eine kleine Schaufel kann täuschen. Abwiegen schafft Klarheit, eine Heuanalyse hilft bei der Einschätzung des Grundfutters. Auch „nur Heu“ kann mehr Energie liefern, als dieses Pferd gerade benötigt. 4
Bitte keine radikale Hungerkur. Stattdessen braucht es eine schrittweise angepasste Ration, passende Fressmöglichkeiten und regelmäßige Kontrolle. Gerade im Stall mit mehreren Beteiligten hilft eine gemeinsame Absprache: Wer füttert was? Was zählt als Belohnung? Wie verhindern wir, dass gut gemeinte Extras den Plan unbemerkt verändern?
Ballaststoffe: Im Pferdedarm wird richtig gearbeitet
Beim Thema Gewicht möchte ich den Darm ausdrücklich mitdenken. Pferde nutzen Pflanzenfasern mithilfe von Mikroorganismen, besonders im Blind- und Dickdarm. Bei dieser Fermentation entstehen unter anderem kurzkettige Fettsäuren, die der Körper als Energiequelle nutzen kann. Diese Zusammenarbeit gehört zur normalen Verdauung des Pferdes. 5

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Deshalb ist „Ballaststoff“ auch kein anderes Wort für wertloses Füllmaterial. Fasern unterscheiden sich darin, wie sie Wasser binden und wie schnell beziehungsweise wo sie von Mikroorganismen umgesetzt werden. Langfaseriges Raufutter hat dabei Aufgaben, die ein Löffel Pulver nicht übernehmen kann: Es muss gekaut werden und beschäftigt das Pferd beim Fressen. 4, 5
Für mich ist das ein wichtiger Unterschied in der Beratung. Wir schauen sowohl auf die Grundlage der Fütterung als auch auf die Frage, ob eine gezielte Ergänzung überhaupt einen sinnvollen Platz darin hat. Einfach immer noch etwas dazuzugeben, macht eine Ration nicht automatisch passender.
Was eine vielfältige Ballaststoffmischung interessant macht
In unserer Beschäftigung mit Darmgesundheit spielen Mischungen aus unterschiedlichen pflanzlichen Faserquellen eine Rolle. Dazu gehören beispielsweise Flohsamenschalen, Hafer-Beta-Glucane, teilweise hydrolysiertes Guarkernmehl sowie Inulin und Fructooligosaccharide aus der Chicoréewurzel. Auch resistente Stärke aus Mais, Kartoffeln oder grünen Bananen wird in solchen Konzepten eingesetzt. Unterschiedliche Fasern bringen unterschiedliche Eigenschaften mit.
Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Eine Mischung kann mehrere Arten von Substraten für Mikroorganismen bereitstellen. Aber beim Pferd müssen wir genauer hinsehen. Eine für Menschen entwickelte Mischung und deren Einnahmemenge sind keine fertige Fütterungsempfehlung für ein Pferd. Gerade bei empfindlichem Stoffwechsel zählen die konkrete Zusammensetzung, Verträglichkeit und die gesamte Ration.
Dass die Forschung hier hinschaut, ist interessant. In einer kleinen Studie mit 15 Pferden mit EMS oder entsprechendem Verdacht wurde eine bestimmte Oligosaccharid-Ergänzung untersucht. Bei den Wallachen sanken bestimmte Insulinwerte, bei den Stuten zeigte sich dieser Effekt nicht. Das ist ein Ansatz für weitere Forschung, kein Beleg dafür, dass jede Fasermischung EMS behandelt oder ein Pferd abnehmen lässt. 6
Andere Untersuchungen zeigen zudem, dass Inulin und Fructooligosaccharide beim Pferd teilweise schon im Magen mikrobiell abgebaut werden. Der Weg durch den Verdauungstrakt ist also komplexer, als es eine einfache Werbegrafik vermuten lässt. 7
Gute Begleitung beginnt für mich mit der Frage: Was braucht dieses Pferd in seiner jetzigen Situation? Danach richtet sich, ob und welche Ergänzung sinnvoll ist.
Genau darüber können wir sprechen: über das aktuelle Futter, das Ziel und darüber, welche Informationen noch fehlen. Bei einem stoffwechselkranken oder hufrehegefährdeten Pferd stimmen wir Ergänzungen mit der behandelnden Tierarztpraxis ab. So wird aus einer interessanten Produktidee eine Entscheidung, die zum einzelnen Pferd passen muss.
Bewegung hilft – wenn sie zur Belastbarkeit passt
Zur Gewichtsregulation gehört auch Bewegung. Das heißt nicht, ein untrainiertes, schweres Pferd plötzlich durch ein anspruchsvolles Programm zu schicken. Für ein lahmfreies, entsprechend freigegebenes Pferd können regelmäßige, zunächst überschaubare Einheiten ein Einstieg sein. Dauer und Intensität werden passend aufgebaut.

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In einer zwölfwöchigen Studie mit 24 übergewichtigen Pferden und Ponys wurde eine angepasste Fütterung mit und ohne zusätzliche Bewegung verglichen. Beide Gruppen verloren Gewicht. Die zusätzliche Bewegung verbesserte darüber hinaus die Insulinempfindlichkeit. Die Waage erzählt also nicht die ganze Geschichte. 8
Im Alltag lohnt sich deshalb die ehrliche Frage: Wie viel bewegt sich mein Pferd wirklich? Auslauf schafft Möglichkeiten, bedeutet aber nicht automatisch viele aktive Minuten. Ein machbarer Wochenrhythmus, passende Wege und eine sinnvolle Steigerung helfen eher als ein einzelner besonders anstrengender Tag. Und wenn Schmerz die Bewegung begrenzt, müssen wir zuerst verstehen, woher er kommt.
Was ein Bluttest klären kann – und wo Omega-3 hineinpasst
Wenn das Gewicht auffällt oder der Stoffwechsel Fragen aufwirft, können gezielte Untersuchungen weiterhelfen. Bei Verdacht auf eine Insulindysregulation wählt die Tierarztpraxis passende Tests aus. Ein unauffälliges allgemeines Blutbild beantwortet diese Frage nicht automatisch. 2
Ein Fettsäureprofil beantwortet eine andere Frage: Es zeigt die gemessene Verteilung verschiedener Fettsäuren, darunter EPA und DHA. Es ersetzt keinen EMS-Test und diagnostiziert keine Hufrehe. Für eine gezielte Betrachtung der Fettsäureversorgung kann es ergänzende Informationen liefern. Welche Analyse für Deine konkrete Frage geeignet ist, besprechen wir vorab.

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Omega-3 bleibt damit ein möglicher ergänzender Baustein. Eine kleine Pilotstudie an zehn Pferden mit EMS untersuchte DHA-reiche Mikroalgen und fand unter anderem Veränderungen der Fettsäurewerte und niedrigere Triglyceridwerte. Eine nachgewiesene Behandlung von EMS oder Hufrehe lässt sich daraus nicht ableiten. 9
Gerade beim übergewichtigen Pferd gehört außerdem jede Ölzugabe in die Energieberechnung. Ich würde deshalb nicht pauschal zusätzliches Öl empfehlen, während wir an anderer Stelle Energie einsparen möchten. Erst die Ausgangssituation verstehen, dann die Ergänzung auswählen: Das gilt für Fettsäuren genauso wie für Ballaststoffe.
Der erste Schritt muss nicht kompliziert sein
Du musst nach diesem Artikel nicht morgen den ganzen Stall umorganisieren. Fang damit an, den jetzigen Zustand festzuhalten und die Fütterung einmal vollständig aufzuschreiben. Schon diese Bestandsaufnahme kann ein Gespräch viel konkreter machen. Was hat sich verändert? Was wurde bereits probiert? Was lässt sich im Alltag zuverlässig umsetzen?
Wenn Du dabei Unterstützung möchtest, schreib Sandra und mir. Wir schauen mit Dir auf Fütterung, Ballaststoffe, mögliche Analysen und die nächsten Schritte. Mein Wunsch ist, dass Du Zusammenhänge verstehst und Entscheidungen für Dein Pferd bewusster treffen kannst. Denn gut versorgt bedeutet am Ende: passend zu diesem Pferd, zu seiner Gesundheit und zu dem Leben, das es bei Dir führt.

