Von Marc Timmerherm · Lesezeit ca. 10 Minuten
Kennst Du diesen Moment? Der Therapeut war da, das Pferd lief danach richtig gut, der Rücken war weich, die Muskulatur endlich locker und Du dachtest: Jetzt haben wir es. Drei Tage später ist das Pferd wieder taktunrein, das Hufgelenk macht erneut Probleme oder der Rücken fühlt sich schon wieder fest an. Vielleicht hörst Du sogar zum dritten Mal in diesem Jahr den Satz: „Da ist wieder eine Entzündung.“ Und irgendwann stellt man sich völlig zu Recht die Frage: Warum kommt das eigentlich immer wieder?
Genau diese Frage finde ich spannender als die Frage, welches Mittel man jetzt noch ausprobieren könnte. Denn eine Entzündung ist zunächst einmal nichts grundsätzlich Schlechtes. Sie ist Teil eines normalen Reparaturprozesses. Der Körper reagiert auf Verletzungen, Überlastungen oder Gewebeschäden, aktiviert Abwehr- und Reparaturmechanismen und versucht, wieder Ordnung herzustellen. Problematisch wird es erst dann, wenn dieser Prozess nicht dauerhaft zur Ruhe kommt, immer wieder neu angestoßen wird oder der Körper insgesamt nicht die Voraussetzungen hat, um vernünftig zu regenerieren.
Eine Diagnose erklärt nicht immer, warum etwas wiederkehrt
Hufgelenksentzündung, Spat, Kissing Spines, Probleme an der Halswirbelsäule, Muskel- und Gelenkschmerzen, Taktunreinheiten oder wiederkehrende Lahmheiten sind sehr unterschiedliche Themen und gehören selbstverständlich sauber tierärztlich beziehungsweise therapeutisch abgeklärt. Wenn ein Pferd lahmt, muss zunächst geklärt werden, woher diese Lahmheit kommt. Hufe, Sehnen, Bänder, Gelenke, Rücken, Sattel, Trainingsbelastung und andere mögliche Ursachen gehören dabei auf den Tisch.

Danach beginnt für mich aber die zweite Ebene der Betrachtung: Warum reagiert genau dieses Pferd immer wieder so empfindlich? Warum hält eine Behandlung bei einem Pferd wochenlang, während das andere schon nach wenigen Tagen wieder fest wird? Warum flammt ein Gelenk immer wieder auf, warum regeneriert die Muskulatur schlecht oder warum bleibt ein Pferd unter vergleichbarer Belastung deutlich anfälliger als ein anderes?
Genau an diesem Punkt wird es interessant, weil man dann nicht mehr nur die schmerzende Stelle betrachtet, sondern das ganze Pferd.
Wenn eine Behandlung nur kurz hilft
Ein Gedanke aus einem Fachvortrag, der mir besonders hängen geblieben ist, war genau dieses typische Bild: Ein Pferd wird behandelt, die Muskulatur lässt los, die Beweglichkeit verbessert sich und zunächst sieht alles deutlich besser aus. Wenige Tage später ist das Pferd wieder fest. Dann kann man natürlich erneut behandeln – aber irgendwann sollte man sich fragen, welche Faktoren den Körper immer wieder in dieses alte Muster zurückdrängen.

Das kann ganz banal mechanisch sein. Ein unpassender Sattel bleibt ein unpassender Sattel, ein problematischer Hufzustand verschwindet nicht durch eine Massage und ein Trainingsfehler kann immer wieder dieselben Strukturen überfordern. Aber genauso können Stress, mangelnde Regeneration, Stoffwechselbelastungen oder eine unzureichende Nährstoffversorgung eine Rolle spielen. Ein Muskel kann nur dann vernünftig arbeiten, wenn die Voraussetzungen stimmen: Er muss anspannen können, aber genauso wichtig ist, dass er danach auch wieder loslassen kann.
Muskulatur braucht mehr als eine gute Behandlung
Therapeuten können unglaublich viel bewirken, aber kein Therapeut kann jeden Tag neben dem Pferd stehen. Wenn ein Pferd dauerhaft in einer Fehlbelastung arbeitet, ständig unter Spannung steht oder bestimmte Stoffwechsel- und Versorgungsprobleme bestehen, kann eine Behandlung schnell wieder verpuffen. Für mich ist das ein bisschen wie bei einem Reifen, der ständig Luft verliert: Natürlich kann man ihn jeden Morgen neu aufpumpen, aber irgendwann sollte man vielleicht nach dem Loch suchen.
Genau so sehe ich wiederkehrende Muskelprobleme. Wenn ein Pferd nach jeder Behandlung kurz besser läuft und anschließend wieder fest wird, bedeutet das nicht automatisch, dass die Behandlung nichts gebracht hat. Es kann vielmehr ein Hinweis darauf sein, dass die eigentliche Ursache oder zumindest ein wichtiger Teil davon noch nicht vollständig verstanden wurde.
Und genau deshalb gehört für mich Training zwingend mit in diese Betrachtung. Ein Pferd mit Rückenproblemen braucht nicht nur Behandlung, sondern auch Bewegung, die zu seinem jeweiligen Zustand passt. Ein Pferd mit wiederkehrenden Gelenkproblemen braucht eine intelligente Belastungssteuerung. Ein Pferd mit schwacher oder verspannter Muskulatur braucht nicht einfach „mehr Training“, sondern das richtige Training. Denn falsche Bewegung kann Beschwerden verstärken, während gezieltes, angepasstes Training den Körper dabei unterstützen kann, tragfähiger, beweglicher und belastbarer zu werden.
Arthrose, Gelenke und Lahmheit: Das lokale Problem bleibt wichtig
Bei all dieser ganzheitlichen Betrachtung darf eines nicht passieren: Dass wir ein konkretes orthopädisches Problem wegdiskutieren. Arthrose ist Arthrose. Eine entzündete Gelenkstruktur muss ernst genommen werden. Eine Sehnenverletzung braucht eine passende Diagnostik und Reha. Kissing Spines verschwinden nicht dadurch, dass wir über Omega-3 sprechen. Und eine Lahmheit gehört nicht mit Nahrungsergänzung „überdeckt“.
Aber der entscheidende Punkt ist: Die Diagnose beantwortet nicht automatisch alle Fragen rund um den Verlauf.
Gerade bei chronischen oder wiederkehrenden Beschwerden wird für mich deshalb die Frage spannend, welche Bedingungen wir im restlichen Körper schaffen. Wie gut regeneriert das Pferd? Wie ist seine Muskulatur aufgebaut? Wie ist sein Gewicht? Wie bewegt es sich im Alltag? Wie hoch ist der Stress? Wie ist die Haltungsform? Hat es ausreichend freie Bewegung? Passt die Herde? Gibt es genug Ruhephasen? Wie sieht die Versorgung aus?
Denn ein Gelenk lebt nicht getrennt vom restlichen Pferd.
Entzündungen entstehen nicht im luftleeren Raum
Wenn im Körper Gewebe gereizt oder verletzt wird, entstehen komplexe entzündliche Prozesse. Das ist physiologisch zunächst sinnvoll, denn ohne diese Reaktion könnten Heilungs- und Reparaturvorgänge nicht vernünftig ablaufen. Gleichzeitig muss der Organismus aber in der Lage sein, diese Prozesse auch wieder herunterzufahren und zu regulieren.
Genau deshalb finde ich es so spannend, bei wiederkehrenden Beschwerden nicht nur zu fragen: Wo ist die Entzündung? Sondern auch: In welchem Gesamtzustand befindet sich dieses Pferd?
Wie sieht die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen aus? Wie ist die Fettsäurezusammensetzung? Gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Bereiche deutlich aus dem Gleichgewicht geraten sind? Wie sieht die allgemeine Stoffwechselsituation aus?
Das bedeutet nicht, dass jede Lahmheit durch einen Nährstoffmangel entsteht. Das wäre viel zu einfach gedacht. Aber es bedeutet, dass man bei einem Pferd, das seit Monaten immer wieder dieselben Probleme entwickelt, irgendwann mehr wissen sollte als nur: „Da ist wieder etwas entzündet.“
Omega-3: Kein Wundermittel, aber ein spannender Baustein
Omega-3-Fettsäuren sind Bestandteil von Zellmembranen und spielen im Organismus in verschiedenen Regulationsprozessen eine Rolle. Besonders EPA und DHA werden häufig im Zusammenhang mit der Regulation von Entzündungsprozessen betrachtet. Gleichzeitig sind Omega-6-Fettsäuren ebenfalls unverzichtbar – entscheidend ist nicht, eine Seite pauschal als gut und die andere als schlecht zu betrachten, sondern die Versorgung insgesamt sinnvoll einzuordnen.

Und genau hier wird „Messen statt Raten“ für mich wichtig.
Denn nur weil ein Pferd ein Öl bekommt, wissen wir noch lange nicht, wie seine tatsächliche Fettsäureversorgung aussieht. Nur weil auf einem Futtersack „Omega-3“ steht, bedeutet das nicht automatisch, dass der Organismus optimal versorgt ist. Und nur weil ein Pferd äußerlich gut aussieht, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich bestimmte Fettsäuren im Blut darstellen.
Deshalb arbeiten wir gerne mit Analysen, wenn es sinnvoll ist.
Ein Fettsäureprofil kann unter anderem zeigen, wie verschiedene Fettsäuren zueinander stehen und wie bestimmte daraus abgeleitete Marker aussehen. Das ist keine Diagnose für „Entzündung im Gelenk“ und ersetzt auch keine orthopädische Untersuchung. Aber es kann ein weiteres Puzzleteil sein, wenn wir verstehen wollen, wie gut oder wie ungünstig die Versorgungssituation eines Pferdes gerade aussieht.
Messen statt raten
Dieser Satz zieht sich bei uns inzwischen durch fast alle Bereiche des Gesundheitsmanagements.
Natürlich bleibt Beobachtung unglaublich wichtig. Niemand kennt ein Pferd so gut wie der Mensch, der es jeden Tag sieht. Aber Beobachtung und Messung schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Sie ergänzen sich.
Wenn ein Pferd immer wieder steif läuft, können wir beobachten. Wenn es nach Belastung regelmäßig schlechter wird, können wir beobachten. Wenn die Muskulatur ständig fest wird oder ein Gelenk immer wieder auffällig ist, können wir beobachten. Aber irgendwann möchte ich zusätzlich wissen: Was zeigt das Blut? Wie sieht die Versorgung aus? Welche Werte sind auffällig? Passt das zu dem, was wir am Pferd sehen?
Je mehr Informationen wir haben, desto weniger müssen wir raten.
Und genau das ist für mich der Unterschied zwischen „Wir probieren mal etwas aus“ und einem strukturierten Gesundheitsmanagement.
Bewegung ist nicht das Problem – falsche Bewegung kann es sein
Gerade bei Arthrose, Rückenproblemen oder wiederkehrender Taktunreinheit ist Bewegung ein riesiges Thema. Und häufig wird Bewegung entweder komplett überschätzt oder komplett unterschätzt.
Ein Pferd einfach nur zu schonen, ist nicht automatisch die beste Lösung. Genauso wenig ist es sinnvoll, einfach weiterzutrainieren wie bisher, wenn ein Pferd offensichtlich Probleme hat. Entscheidend ist, welche Bewegung gerade sinnvoll ist.
Das kann freie Bewegung sein. Es kann kontrolliertes Schritttraining sein. Es kann Bodenarbeit sein. Es kann gezielter Muskelaufbau sein. Es kann bedeuten, bestimmte Bewegungsmuster neu zu erarbeiten oder Trainingsreize anders zu setzen.
Gerade bei Krankheitsbildern ist gutes Training deshalb nicht einfach Sport. Es ist Management.
Und es braucht Erfahrung.
Warum wir im Team arbeiten
Genau deshalb versuchen wir solche Fälle nicht aus einer einzigen Perspektive zu betrachten.
In unserem Netzwerk arbeiten wir mit Tierärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen und unabhängigen zertifizierten Laboren zusammen. Gleichzeitig gehören zu unserem Team auch Trainer mit viel praktischer Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen gesundheitlichen Einschränkungen und komplexeren Krankheitsbildern.
Das ist für mich ein wichtiger Punkt, denn manchmal liegt die Antwort nicht nur im Laborwert und auch nicht nur im Röntgenbild. Manchmal muss man sich anschauen, wie sich ein Pferd tatsächlich bewegt, wie es trainiert wird, wie es belastet wird, was im Alltag passiert und wo vielleicht immer wieder dieselben ungünstigen Muster entstehen.
Ein guter Trainer ersetzt keinen Tierarzt. Ein Labor ersetzt keinen Physiotherapeuten. Und ein Nahrungskonzept ersetzt kein korrektes Training.
Aber wenn diese Bereiche miteinander sprechen, kann daraus etwas sehr Sinnvolles entstehen.
Was wir uns bei wiederkehrenden Beschwerden anschauen würden
Wenn uns jemand mit einem Pferd kontaktiert, das immer wieder taktunrein ist, ständig Muskelprobleme entwickelt oder regelmäßig entzündliche Gelenkbeschwerden zeigt, wäre unser Ansatz deshalb nicht: „Nimm dieses eine Produkt.“
Wir würden eher fragen: Was ist bereits diagnostiziert? Was wurde bildgebend untersucht? Wie sehen Hufe und Sattel aus? Wie wird das Pferd gehalten? Wie viel freie Bewegung hat es? Wie wird es trainiert? Wie sieht das Gewicht aus? Was wird gefüttert? Welche Analysen gibt es bereits? Wie sieht die Fettsäureversorgung aus? Und was beobachten Besitzer, Trainer, Therapeut und Tierarzt jeweils?
Erst wenn diese Informationen zusammenkommen, entsteht ein Bild.
Und manchmal zeigt dieses Bild ziemlich schnell, dass an einer Stelle angesetzt werden sollte, an die vorher kaum jemand gedacht hat.
Ein entzündetes Gelenk ist nie nur „ein Gelenk“
Natürlich liegt die Entzündung im konkreten Fall vielleicht im Hufgelenk. Natürlich kann ein Rückenproblem an der Wirbelsäule sitzen. Natürlich kann die Ursache einer Lahmheit in einer Sehne liegen.
Aber das Pferd, das diese Struktur versorgen, bewegen und regenerieren muss, besteht eben nicht nur aus diesem einen Gelenk, diesem Muskel oder dieser Sehne. Es besteht aus einem ganzen Organismus.
Deshalb gehören für mich Haltung, Training, Bewegung, Stress, Regeneration, Fütterung, Darmgesundheit, Nährstoffversorgung, Stoffwechsel und Zellfunktion immer mit in die Betrachtung – nicht anstelle einer sauberen Diagnostik, sondern zusätzlich dazu.
Genau das ist für mich ganzheitliches Gesundheitsmanagement.

Wenn etwas immer wiederkommt, lohnt sich ein zweiter Blick
Eine einmalige Verletzung kann einfach Pech sein. Eine akute Entzündung kann sauber ausheilen. Aber wenn ein Pferd immer wieder in dasselbe Muster zurückfällt, würde ich irgendwann nicht mehr nur fragen: „Was können wir dieses Mal behandeln?“
Ich würde fragen: Warum kommt es wieder? Was fehlt vielleicht noch in unserem Gesamtbild? Welche Faktoren haben wir bisher gar nicht betrachtet? Und was können wir messen, statt weiter zu raten?
Denn manchmal ist die spannendste Erkenntnis nicht die nächste Diagnose, sondern das Verständnis dafür, warum der Körper immer wieder an denselben Punkt zurückkehrt.
Und genau da beginnt für mich echte Prävention.
Wenn Du bei Deinem Pferd mit wiederkehrenden Lahmheiten, Gelenkproblemen, Muskelverspannungen oder auffälliger Regeneration nicht weiterkommst, kannst Du Dich gerne bei uns melden. Wir schauen uns solche Situationen nicht aus nur einer Perspektive an, sondern versuchen gemeinsam mit den passenden Fachleuten herauszufinden, welche Puzzleteile sinnvoll zusammengehören – von Diagnostik und Labor über Haltung und Versorgung bis hin zu Training und Bewegung.

