Von Marc Timmerherm · Lesezeit ca. 10 Minuten
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl: Du stehst vor Deinem Pferd und kannst eigentlich gar nicht genau sagen, was los ist. Es frisst, es läuft, es hat kein Fieber und auch sonst gibt es zunächst nichts, bei dem man sofort sagen würde: Da ist eindeutig etwas krank. Und trotzdem denkst Du: „Irgendetwas stimmt nicht.“
Vielleicht ist Dein Pferd steifer geworden und braucht beim Reiten immer länger, bis der Rücken locker wird. Vielleicht verändert sich das Fell, die Haut wird empfindlicher oder es gibt immer wieder kleinere Verdauungsprobleme. Ein anderes Pferd wirkt plötzlich schneller gestresst, weniger belastbar oder irgendwie müde. Und wieder ein anderes hat ständig irgendwo eine kleine Baustelle: heute Muskulatur, morgen Darm, irgendwann Haut oder Gelenke.
Natürlich kann jedes dieser Probleme seine ganz eigene Ursache haben. Aber irgendwann lohnt es sich, einen Schritt weiterzugehen und nicht mehr nur das einzelne Symptom zu betrachten. Dann wird die Frage interessant, ob verschiedene Auffälligkeiten vielleicht miteinander zusammenhängen und ob im Körper Prozesse ablaufen, die man von außen zunächst gar nicht sieht.
Genau an dieser Stelle kommen die sogenannten stillen Entzündungen ins Spiel.
Eine Entzündung muss nicht immer sichtbar sein
Wenn wir Pferdeleute das Wort Entzündung hören, haben wir meistens sofort ein ziemlich konkretes Bild vor Augen: ein heißes Gelenk, ein dickes Bein, eine entzündete Sehne oder eine Wunde. Eine klassische akute Entzündungsreaktion ist zunächst sogar etwas Sinnvolles. Sie gehört zum Reparatur- und Abwehrsystem des Körpers. Wenn Gewebe verletzt wird oder Krankheitserreger bekämpft werden müssen, brauchen wir diese Reaktion.

Problematisch wird es dann, wenn entzündliche Prozesse nicht vollständig zur Ruhe kommen und der Organismus dauerhaft in einer unterschwelligen Alarmbereitschaft bleibt. Das kann viel unauffälliger aussehen. Es gibt dann nicht unbedingt den einen Punkt, an dem man sagen kann: „Hier ist die Entzündung.“
Stattdessen sieht man möglicherweise immer wieder kleine Veränderungen. Das Pferd regeneriert schlechter, die Muskulatur bleibt fest, Haut oder Verdauung reagieren empfindlich oder Belastungen werden schlechter weggesteckt als früher.
Und genau deshalb gefällt mir ein Satz überhaupt nicht, den man im Stall ziemlich häufig hört:
„Der ist halt so.“
Manchmal ist er tatsächlich so. Pferde haben schließlich Charakter, Temperament und individuelle körperliche Voraussetzungen. Spirit ist beispielsweise ein völlig anderes Pferd als Valea. Aber viel wichtiger ist die Frage: War das Pferd schon immer so oder hat sich etwas verändert?
Veränderungen erzählen uns etwas. Und wenn mehrere Veränderungen über einen längeren Zeitraum gemeinsam auftreten, sollte man genauer hinsehen.
Pferdegesundheit ist niemals nur Fütterung
An dieser Stelle ist mir etwas besonders wichtig: Wenn wir über stille Entzündungen, Stoffwechsel oder Omega-3 sprechen, dürfen wir nicht den Fehler machen, Pferdegesundheit auf Ernährung zu reduzieren.
Das wäre viel zu einfach.
Ein Pferd ist ein Gesamtsystem. Was es frisst, spielt eine große Rolle. Aber genauso entscheidend können Haltung, Bewegung, Training, Stress, soziale Bedingungen, Schmerzen und Umweltfaktoren sein. Ein Pferd, das beispielsweise permanent unter Stress steht, weil die Herdenkonstellation nicht funktioniert, kann nicht isoliert über eine Futteroptimierung betrachtet werden. Genauso wenig hilft das beste Supplement, wenn ein Pferd jeden Tag körperlich falsch belastet wird.
Ein schönes Beispiel dafür ist das Headshaking. Wir kennen das Thema mit Spirit leider sehr gut. Natürlich ist Headshaking ein komplexes Krankheitsbild und kein Problem, das man einfach „wegtrainiert“. Es gibt aber Trainingsansätze, mit denen die Symptome teilweise erstaunlich schnell reduziert werden können. Ein gezieltes, korrekt aufgebautes Trainingskonzept, wie es beispielsweise von Dr. Scheibenflug aus Österreich entwickelt wurde, kann manchen Pferden schon innerhalb weniger Tage spürbare Erleichterung verschaffen. Die Ursache ist damit nicht beseitigt, aber das Pferd bekommt zunächst einmal konkrete Hilfe.

Und genau das zeigt sehr schön, worum es mir geht: Manchmal ist Ernährung ein wichtiger Hebel, manchmal Training, manchmal Haltung – und meistens lohnt es sich, mehrere Bereiche gleichzeitig anzuschauen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Welches Mittel brauche ich gegen dieses Symptom?“
Sondern: „Welche Faktoren sorgen gerade dafür, dass dieser Körper nicht mehr optimal reguliert?“
Was haben Fettsäuren damit zu tun?
Damit kommen wir zu einem Bereich, der bei der Regulation entzündlicher Prozesse eine wichtige Rolle spielt: Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren.
Und gleich vorneweg: Omega-6 ist nicht schlecht.
Der Körper braucht Omega-6-Fettsäuren. Sie sind an ganz normalen physiologischen Prozessen beteiligt und spielen unter anderem bei Entzündungs- und Reparaturreaktionen eine Rolle. Gleichzeitig besitzen insbesondere bestimmte Omega-3-Fettsäuren wie EPA und DHA eine wichtige Funktion bei der Regulation solcher Prozesse.
Es geht also nicht darum, eine Fettsäure zum Bösewicht und eine andere zum Wundermittel zu erklären. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel.
Die von uns verwendete Fettsäureanalyse misst deshalb nicht einfach nur „Omega-3“. Insgesamt werden elf verschiedene Fettsäuren bestimmt und daraus mehrere Parameter berechnet, darunter die Omega-6:3-Balance, der Omega-3-Index, die Zellmembran-Fluidität und der Arachidonsäure-Index.
Besonders interessant ist dabei das Verhältnis zwischen Arachidonsäure aus der Omega-6-Gruppe und EPA aus der Omega-3-Gruppe. In den Testunterlagen wird dieses Verhältnis ausdrücklich im Zusammenhang mit der Regulation von Entzündungsprozessen beschrieben.
Und damit sind wir plötzlich nicht mehr bei irgendeinem „gesunden Öl“, sondern mitten in der Zellbiologie.
Die Zellmembran – viel mehr als eine Verpackung

Jede Körperzelle besitzt eine Zellmembran. Die kann man sich allerdings nicht wie eine feste Plastiktüte vorstellen, die einfach nur alles zusammenhält. Sie ist ein hochaktiver Bestandteil der Zelle. Über sie werden Stoffe aufgenommen und abgegeben, Informationen weitergeleitet und zahlreiche Stoffwechselprozesse gesteuert.
Die Zusammensetzung der Fettsäuren beeinflusst dabei auch die Eigenschaften dieser Membran.
Eine Zellmembran muss stabil sein, gleichzeitig aber ausreichend flexibel und beweglich bleiben. Genau deshalb wird in der Fettsäureanalyse auch die sogenannte Zellmembran-Fluidität betrachtet. Das Verhältnis bestimmter gesättigter Fettsäuren zu EPA und DHA wird dabei als Hinweis darauf genutzt, wie fließfähig die Membran zusammengesetzt ist. Die Testbeschreibung stellt hier ausdrücklich den Zusammenhang zu Aufnahme- und Abgabeprozessen der Zelle her.
Dieser Gedanke hat bei mir einiges verändert.
Denn wenn wir uns immer nur fragen, welches Supplement wir einem Pferd noch geben können, übersehen wir möglicherweise eine viel grundlegendere Frage: Wie sieht die Versorgungssituation des Körpers überhaupt aus und unter welchen Bedingungen müssen seine Zellen gerade arbeiten?
Valea hat uns genau das ziemlich deutlich gezeigt
Valea ist eines dieser Pferde, bei denen man irgendwann aufhört, in einzelnen Schubladen zu denken.
Bei ihr gab es über die Jahre verschiedene Themen. Verdauung, Muskulatur, Stress und nicht zuletzt ihre hormonelle Situation rund um Eierstöcke und Gebärmutter haben uns immer wieder beschäftigt. Und selbstverständlich könnte man jedes dieser Themen einzeln behandeln. Für jedes Problem gibt es ein Pulver, eine Kräutermischung oder irgendeinen neuen Eimer.
Wer mehrere Pferde hat, kennt irgendwann diese Futterkammern, in denen man gefühlt einen eigenen Fachhandel eröffnen könnte.
Uns wurde bei Valea aber immer klarer, dass wir zuerst die Grundlagen anschauen müssen. Dazu gehörte neben Haltung, Training und Fütterung auch die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren.
Nachdem wir begonnen hatten, diese Versorgung gezielt zu verändern, haben wir Entwicklungen gesehen, die uns aufmerksam gemacht haben. Nicht nach dem Motto „Öl rein und Pferd repariert“. So funktioniert kein Organismus. Aber ihr Gesamtzustand stabilisierte sich und auch Bereiche, die wir vorher eher getrennt betrachtet hatten, entwickelten sich positiv.
Gerade ihre hormonelle Geschichte hat uns dabei eines deutlich gezeigt: Ein Eierstock lebt nicht allein im Pferd. Ein Darm lebt nicht allein im Pferd. Die Muskulatur lebt nicht allein im Pferd.
Alles hängt zusammen.
Und deshalb betrachten wir Valea heute völlig anders als noch vor einigen Jahren.
Auch Spirit hat uns beigebracht, nicht mehr in Schubladen zu denken
Bei Spirit war die Geschichte eine andere. Das Headshaking war für uns über lange Zeit ein massives Thema.

Und nein: Ich würde niemals behaupten, Headshaking sei einfach ein Omega-3-Mangel. Dafür ist dieses Krankheitsbild viel zu komplex.
Aber Spirit hat uns sehr eindrücklich gezeigt, welchen Unterschied es machen kann, wenn man mehrere Stellschrauben gleichzeitig verändert. Training und Bewegungsmanagement spielten eine Rolle, Haltung und Stress spielten eine Rolle, genauso Fütterung, Darmgesundheit und Nährstoffversorgung.
Heute interessiert mich deshalb bei einem gesundheitlichen Problem nicht mehr nur: „Was kann ich dagegen geben?“
Mich interessiert viel mehr:
Wie lebt dieses Pferd? Wie wird es trainiert? Passt die Belastung? Wie sieht die Herde aus? Wie viel Bewegung bekommt es? Wie ist die Verdauung? Was wird gefüttert? Gibt es bekannte Schmerzen? Wie ist die Nährstoffversorgung? Und gibt es messbare Werte, die uns zusätzliche Hinweise geben können?
Genau das meine ich mit ganzheitlicher Pferdegesundheit.
Nicht irgendeine esoterische Vorstellung davon, dass alles irgendwie zusammenhängt, sondern eine sehr praktische Betrachtung des kompletten Pferdes.
Warum wir lieber messen als raten
Ich mag messbare Werte.
Nicht, weil ich glaube, man könne ein Pferd auf einen Laborzettel reduzieren. Ich kenne Spirit besser als irgendein Labor der Welt. Und Sandra kennt Valea ebenfalls besser als jeder Bluttest.
Aber subjektive Beobachtung und objektive Werte müssen keine Gegensätze sein. Ganz im Gegenteil: Zusammen werden sie erst richtig interessant.
Ein Fettsäuretest sagt beispielsweise nicht: „Dein Pferd hat dort und dort eine stille Entzündung.“
Das ist auch nicht seine Aufgabe.
Er zeigt uns ein Fettsäureprofil und verschiedene daraus abgeleitete Parameter. Dazu gehören eben nicht nur Omega-3 und Omega-6, sondern mehrere Werte, die gemeinsam betrachtet werden können.
Genau das sieht man übrigens auch an einem realen Ergebnis sehr schön. Bei Sandras damaliger Analyse lag das Omega-6:3-Verhältnis bei 17:1, der Omega-3-Index bei 2,0 Prozent und auch der berechnete Wert zur Zellmembran-Fluidität war deutlich außerhalb des Zielbereiches. Gleichzeitig lag der Arachidonsäure-Index im optimalen Bereich. Ein einzelner Wert hätte also längst nicht das gesamte Bild gezeigt.
Und genau deshalb mag ich diese Art von Diagnostik.
Nicht, weil sie uns alle Antworten liefert.
Sondern weil sie bessere Fragen ermöglicht.
Was bedeutet das jetzt für Dein Pferd?
Wenn Du beim Lesen gerade an Dein eigenes Pferd denkst, dann wäre mein Rat nicht, morgen sofort irgendeine Flasche Omega-3 zu bestellen.
Schau Dein Pferd zunächst wirklich an – und zwar als Ganzes.
Hat sich seine Leistungsfähigkeit verändert? Wird es beim Training schlechter locker? Gibt es wiederkehrende muskuläre Probleme? Hat sich die Verdauung verändert? Wie sieht die Haut aus? Wie ist das Fell? Gibt es Gewichtsschwankungen? Wie reagiert das Pferd auf Stress? Passt die Herde? Bekommt es genügend Bewegung? Passt das Training wirklich zu diesem Pferd? Gibt es Schmerzen oder wiederkehrende Beschwerden?
Und dann schaust Du nicht nur auf jeden einzelnen Punkt.
Du suchst nach dem Muster dahinter.
Vielleicht liegt die größte Baustelle tatsächlich in der Fütterung. Vielleicht liegt sie im Training. Vielleicht in der Haltung. Vielleicht spielt die Nährstoffversorgung eine wichtige Rolle. Und manchmal sind es mehrere kleine Faktoren, die sich über Monate gegenseitig verstärken.
Genau deshalb halte ich wenig davon, bei Pferdegesundheit nur in einzelnen Produkten zu denken.
Gesundheit entsteht nicht im Futtersack allein
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Sätze, die ich auf der Timmerherm Ranch vermitteln möchte:
Ein gutes Gesundheitsmanagement betrachtet das ganze Pferd.
Dazu gehören Haltung, Umwelt, Bewegung, ein sinnvoll aufgebautes Training, Fütterung, Nährstoffversorgung, Psyche und natürlich eine vernünftige medizinische und therapeutische Begleitung, wenn sie notwendig ist.
Manchmal muss zuerst der Sattel überprüft werden. Manchmal muss das Training verändert werden. Manchmal muss ein Pferd aus einer unpassenden Herde heraus. Manchmal brauchen wir einen Tierarzt. Und manchmal zeigt uns eine Blut- oder Fettsäureanalyse einen Bereich, auf den wir vorher überhaupt nicht gekommen wären.
Spirit und Valea haben uns genau das beigebracht.
Wir möchten heute nicht mehr einfach irgendein Symptom möglichst schnell verschwinden lassen.
Wir möchten verstehen, warum es entstanden ist.
Denn wenn wir anfangen, ein Pferd als Ganzes zu betrachten, wird aus „Was kann ich dagegen geben?“ irgendwann eine viel bessere Frage:
„Was braucht dieses Pferd, damit sein Körper wieder möglichst gut selbst regulieren kann?“
Und genau dort beginnt für mich echte Pferdegesundheit.

