Von Marc Timmerherm · Lesezeit ca. 6 Minuten
Wildlebende Pferde hatten Kontakt zu deutlich vielfältigeren natürlichen Nahrungs- und Umweltquellen als viele unserer heutigen domestizierten Pferde. Sie fraßen unterschiedliche Pflanzen, nahmen Wasser aus natürlichen Gewässern auf und waren einer viel größeren biologischen Vielfalt ausgesetzt. Ob dabei relevante Mengen EPA und DHA direkt über Mikroalgen oder andere aquatische Quellen aufgenommen wurden, ist wissenschaftlich bisher kaum untersucht. Sicher ist jedoch: In der heutigen typischen Pferderation kommen direkte EPA- und DHA-Quellen praktisch kaum vor.

Und genau das finde ich spannend. Denn wenn wir heute über Omega-3 beim Pferd sprechen, reden wir sehr schnell über Leinöl, Leinsamen oder frisches Gras. Das ist auch nicht falsch – diese Futtermittel liefern vor allem Alpha-Linolensäure, kurz ALA, also eine pflanzliche Omega-3-Fettsäure. Aber ALA ist eben nicht dasselbe wie EPA und DHA. Das Pferd kann aus ALA längerkettige Omega-3-Fettsäuren bilden, doch dafür sind mehrere Stoffwechselschritte notwendig. Direkte EPA- und DHA-Quellen sind in einer klassischen Ration aus Heu, Gras und üblichen Futtermitteln dagegen eher die Ausnahme.

Warum EPA und DHA überhaupt interessant sind
EPA und DHA sind langkettige Omega-3-Fettsäuren und Bestandteile beziehungsweise Vorstufen wichtiger Strukturen und Regulationsprozesse im Körper. Sie werden in Zellmembranen eingebaut und spielen unter anderem im Zusammenhang mit Entzündungsregulation, Nervensystem und Gehirnfunktion eine Rolle. Bei Pferden lässt sich zudem zeigen, dass zugeführtes EPA und DHA tatsächlich im Blut und in verschiedenen Geweben ankommt. Untersuchungen konnten beispielsweise einen Anstieg in Plasma, roten Blutkörperchen, Muskulatur und sogar in Gelenkflüssigkeit nachweisen. PubMed (öffnet in einem neuen Tab)
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Pferd mit wenig EPA oder DHA automatisch krank wird. So einfach funktioniert Biologie zum Glück – oder manchmal auch leider – nicht. Ein ungünstiges Fettsäuremuster ist keine Diagnose. Es kann aber darauf hinweisen, dass wichtige Regulationsprozesse im Körper nicht unter optimalen Voraussetzungen ablaufen.
Fettsäuren beeinflussen unter anderem die Eigenschaften unserer Zellmembranen. Genau dort entscheidet sich schließlich sehr viel: Wie flexibel ist eine Membran? Wie gut können Stoffe aufgenommen und abgegeben werden? Wie funktionieren Signal- und Regulationsprozesse? In den von uns verwendeten Fettsäureanalysen werden deshalb neben der Omega-6:Omega-3-Balance unter anderem auch der Omega-3-Index und ein Marker zur Zellmembran-Fluidität betrachtet.
Ein dauerhaft ungünstiges Fettsäuremuster bedeutet also nicht automatisch Krankheit. Es kann aber ein Baustein in einer Entwicklung sein, die wir heute im Zusammenhang mit verschiedenen typischen Zivilisationskrankheiten und chronischen Regulationsproblemen immer wieder diskutieren. Und genau deshalb interessiert mich nicht nur, was wir vorne ins Pferd hineinfüttern, sondern was davon im Körper tatsächlich ankommt.
Und was war früher anders?
Das ist die Stelle, an der es ein bisschen spekulativ, aber eben auch interessant wird. Pferde haben sich nicht in einer Welt entwickelt, in der jeden Morgen ein sauberer Wassereimer mit Leitungswasser hingestellt wurde und über Monate dasselbe konservierte Grundfutter zur Verfügung stand. Wildlebende Pferde bewegten sich über große Gebiete, fraßen sehr unterschiedliche Pflanzen und tranken aus natürlichen Gewässern. Diese Gewässer enthalten Mikroorganismen und Mikroalgen und bilden eigene komplexe Ökosysteme.
Ob Wildpferde darüber tatsächlich relevante Mengen EPA und DHA aufgenommen haben, können wir nach heutigem Wissen nicht seriös behaupten. Dafür fehlt schlicht die Forschung. Ich finde die Frage trotzdem berechtigt: Welche Nährstoffquellen sind durch unsere heutige Form der Haltung und Fütterung verschwunden oder zumindest deutlich seltener geworden?
Denn eines wissen wir: Direkte EPA- und DHA-Quellen sind in der normalen heutigen Pferdefütterung nicht gerade üppig vertreten. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass eine gezielte Zufuhr von EPA und DHA das Fettsäureprofil von Pferden deutlich verändern kann. Die Konzentrationen im Blut steigen dosisabhängig an, wenn diese Fettsäuren tatsächlich zugeführt werden. PubMed (öffnet in einem neuen Tab)
Für mich führt das zu einer ziemlich einfachen Konsequenz: Ich möchte es nicht erraten.
Messen statt Raten
Wie schwer es sein kann, die Omega-3-Versorgung allein anhand dessen einzuschätzen, was jemand isst, zeigt schon ein Blick auf uns Menschen. Bei inzwischen mehr als 1,8 Millionen ausgewerteten Fettsäuretests waren weltweit rund 97 Prozent der Ersttests nicht im angestrebten Omega-6:Omega-3-Bereich.

Und das finde ich bemerkenswert. Denn ein großer Teil dieser Menschen lebt nicht vegan oder vegetarisch, sondern ganz normal omnivor. Viele essen Fisch, verwenden verschiedene Pflanzenöle und würden vermutlich von sich selbst sagen, dass sie ausreichend Omega-3 aufnehmen.
Trotzdem zeigt der Test bei der überwältigenden Mehrheit zunächst keine optimale Balance.
Ein unausgeglichenes Verhältnis bedeutet auch beim Menschen nicht automatisch, dass jemand krank ist. Es kann aber darauf hinweisen, dass die Voraussetzungen für bestimmte Regulationsprozesse nicht optimal sind. EPA und DHA spielen unter anderem bei Zellmembranen und normaler Gehirnfunktion eine Rolle; die Fettsäurezusammensetzung beeinflusst außerdem die Eigenschaften der Zellmembran. Sandra_3EY892698376BT_full (1).pdfPDF
Das Spannende daran: Solche Veränderungen merkt man häufig nicht sofort.
Und genau deshalb lautet für uns der Grundsatz: Messen statt Raten.
Denn wenn selbst Menschen, die sich abwechslungsreich ernähren und zum Teil regelmäßig Fisch essen, in 97 Prozent der Ersttests nicht im angestrebten Omega-6:Omega-3-Bereich liegen – wie mag es dann bei Deinem Pferd aussehen, dessen normale Ration praktisch keine direkten EPA- und DHA-Quellen enthält?
Genau diese Frage würde ich mir stellen, bevor ich einfach irgendein neues Öl kaufe und ins Futter kippe.
Was zeigt ein Omega-3-Bluttest beim Pferd?
Ein Fettsäuretest soll nicht feststellen, ob ein Pferd „gesund“ oder „krank“ ist. Er liefert vielmehr eine Momentaufnahme darüber, wie verschiedene Fettsäuren tatsächlich im Blut vertreten sind.

Der von uns eingesetzte Test analysiert ein umfangreiches Fettsäureprofil. Daraus lassen sich unter anderem die Omega-6:Omega-3-Balance, der Anteil von EPA und DHA, der Omega-3-Index sowie weitere daraus berechnete Marker betrachten. Vergleichbare Analysen werden auch in der Forschung genutzt, um Veränderungen der Fettsäureversorgung bei Pferden objektiv nachzuweisen. Studien zeigen beispielsweise, dass EPA und DHA nach gezielter Zufuhr im Blut messbar ansteigen und auch in Gewebe eingebaut werden. PubMed (öffnet in einem neuen Tab)
Und genau das ist für mich der große Unterschied zwischen Vermuten und Wissen.
Vielleicht braucht ein Pferd tatsächlich Unterstützung bei seiner Omega-3-Versorgung. Vielleicht sieht das Fettsäureprofil aber auch ganz anders aus als erwartet. Genau deshalb würde ich persönlich nicht mit dem Produkt anfangen, sondern mit der Frage:
Wie sieht es in diesem Pferd eigentlich gerade aus?
Nicht mehr hineingeben – sondern gezielter hinschauen
Ich glaube, wir haben uns in der Pferdefütterung sehr daran gewöhnt, auf Probleme mit einem weiteren Eimer, Pulver oder Öl zu reagieren. Dabei ist manchmal die interessantere Frage nicht: „Was kann ich noch dazugeben?“, sondern: „Was braucht mein Pferd überhaupt?“
Ein Bluttest ersetzt natürlich weder eine vernünftige Fütterung noch gute Haltung, Bewegung, Training oder tierärztliche Betreuung. Aber er kann ein weiteres Puzzleteil liefern. Und manchmal ist genau dieses eine Puzzleteil das, was vorher gefehlt hat.
Deshalb finde ich das Thema Omega-3 beim Pferd so spannend. Nicht, weil ich glaube, dass EPA und DHA irgendein Wundermittel sind. Sondern weil wir heute die Möglichkeit haben, Dinge zu messen, über die wir früher einfach nur spekuliert hätten.
Und wenn wir messen können, warum sollten wir dann raten?
Wenn Du wissen möchtest, wie die Fettsäureversorgung Deines Pferdes tatsächlich aussieht, kannst Du Dich gerne an uns wenden. Wir arbeiten mit entsprechenden Laboranalysen und schauen uns die Ergebnisse nicht isoliert an, sondern gemeinsam mit Fütterung, Haltung, Bewegung, Training und der Gesamtsituation des Pferdes.
Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst viel Omega-3 ins Pferd zu bekommen.
Es geht darum, herauszufinden, was genau dieses Pferd braucht.

